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Teil 1 - Vorher
Wie komme ich endlich über die magische 100km-Grenze? Eine gute Möglichkeit herauszufinden, ob ich es schaffen kann 100km zu laufen, bietet sich beim 12-Stundenlauf in Brühl. Vorausetzung ist natürlich, dass man mit 12 Stunden auskommt. So beschäftigen sich derzeit (31.05.02) meine Gedanken viel mit Zahlenspielereien, doch alle Theorie ist Grau. Immer wieder suchte ich in den vergangenen Monaten nach Hinweisen, die eine mögliche Berechnung zu einem sinnvollen Ergebnis bringen, doch die Schwankungsgrösse ist riesig. Letztendlich werde ich die Antwort nur beim Lauf selber finden. Was bringt es, meine aktuelle 10km-Zeit umzurechnen auf eine 12-Stundensituation? Es bringt was! Es erschliesst mir die theoretische Sicherheit, dass überhaupt die Chance besteht in 12 Stunden die 100km-Grenze zu überschreiten. Eine Umrechnung besagt zum Beispiel, 3/5 Strecke bei Halbierung der Zeit. Demnach muss ich in 6 Stunden mind. 60km schaffen oder in 3 Stunden 36km. Wenn ich jetzt noch gängige Umrechnungen für Marathonläufe hinzuziehe, müssten 45min über 10km reichen.
Gelaufen bin ich bisher bis zu 6 Stunden mit mehr als 60km und meine aktuelle 10km Zeit liegt besser als 40min, jedoch baue ich beim Marathon zwischen km30 und 35 enorm ab und ich habe kaum lange Einheiten im Trainingsprogramm (ich habe gar kein Programm). Entscheident für mich ist jedoch, dass meine Psyche sagt, ich schaff das. Mein Magen ist sehr robust, ich bin bei bester Gesundheit, ich habe keine Knieprobleme, Blasen beim Marathon sind nicht der Rede wert, ich kann auf die Signale meines Körpers hören. Angst habe ich lediglich davor, dass ich mich am Anfang nicht bremsen kann, doch ICH WILL!!! Teil 2- The Race
Endlich, nun bin ich drin, in der Familie der Ultras! Doch der Reihe nach. Am 23.06.02 fand der 15. Brühler Einzel- und Staffel-12-Stundenlauf statt und dies mit Rekordbeteiligung bei herrlichstem Wetter. Viel besser kann es für einen Veranstalter und für die Läufer doch gar nicht gehen. Wie in Läuferkreisen üblich, so war auch meine Trainingsvorbereitung eigentlich viel zu schlecht, unken gehört ja schliesslich dazu. Um mir keinen Stress zu machen, nutze ich das Angebot, bereits am 22.06 anzureisen und die Nacht im Stadion im eigenen Zelt zu verbringen. Hier bot sich auch gleich die Gelegenheit zum Plausch mit anderen Läufern, ohne dass das Gefühl aufkam, man würde jemanden mit dem Laufgerede nerven. Nach lauer Sommernacht folgte ein kostenloses, erstklassiges Frühstück des Veranstalters. In der Zeit trudelten dann auch die restlichen Läufer ein. Tapering, Speicher füllen und sich gegenseitig für bescheuert erklären, halfen die Wartezeit bis zum Start zu überstehen. 3 befreundete Läufer (Henning Köster, Volker König und Klaus Nofftz) wollten in etwa gleich angehen wie ich und dann waren da noch 2 Staffeln der Düsseldorfer Rennhamster, die neben ihrer Staffelpremiere auch noch für mich unterstütztend tätig waren. Auch aus der Entfernung waren mir viele gedrückte Daumen sicher. Und mein ICH WILL war auch noch vorhanden! Mental war also alles Bestens, auch wenn mir ein wenig mulmig war kurz vor dem Start. Um kurz vor 07:00Uhr war es noch bewölkt und kühl, so stand einem frischen Start nichts im Wege. Punkt 07 wurden dann alle Einzelläufer, 100km-Läufer und Staffeln auf die Reise geschickt, die alle 2,5km wieder durchs Stadion führte. Jetzt nur nicht zu schnell laufen. Dank Hennings Erfahrung lag gleich die erste Runde im angestrebten Zeitrahmen von 15min/Runde. Dies wollten wir für die ersten 5 Stunden durchhalten und dann mal sehen was passiert. Eine wunderschöne Strecke, absolut flach und sehenswert, erst das volle Stadion, welches gerade durch die restlichen Staffelläufer gut gefüllt war, dann federnder Waldboden, anschliessend der Schlosspark mit Blick aufs Schloss und dann durch die Fussgängerzone, die natürlich um diese Uhrzeit noch ziemlich leer war und schon war man wieder im Stadion. Wer in irgendeiner Art und Weise versorgt werden musste/wollte hatte keine langen Wege dafür. Bereits jetzt füllte sich auch das Buffet, welches gleich nach der Rundenzählung kam, mit (fast) allem was das Herz begehrt. Die Staffeln konnten ihre Wechsel selbst bestimmen und so ergab es sich z.B. bei einer Rennhamstermannschaft, dass am Anfang einer 25km zusammenhängend lief und später Wechsel nach jeder Runde stattfanden. Den ganzen Tag im Teameinsatz zusammen sein wird hier zu einem wunderschönen Ereignis. Die ersten Stunden als Einzelläufer verflogen im Nu, alles viel leicht. Der Mann mit dem Hammer, so wie ihn viele vom Marathon kennen, kam nicht und schon war das erste Ziel erreicht. Wir, als etwa gleich starke Vierergruppe, hatten nach etwa 5 Stunden die 50km-Marke passiert. Jetzt machte sich verstärkt die Sonne bemerkbar, immer häufiger wurde der Kopf gekühlt. Die ersten 25km-Läufer, die zusammen mit den 50km-Läufern um 10:00 Uhr gestartet waren, waren bereits im Ziel. Das wir nicht einfach so locker weiterlaufen können, zeigte sich recht schnell. Der erste von uns fiel aus, die Füsse hatten Schaden genommen, bald fiel der zweite aus, Kurven wurden zu einem unüberwindlichen Hinderniss. Bei mir und Klaus lies das Tempo nach, aber es ging noch halbwegs bis 7 Stunden vorbei waren. Jetzt fing der Wettkampf erst richtig an. Zähne zusammen beissen, an die eigenen Stärken denken, nicht unterkriegen lassen. Wilde Rechenspielereien beschäftigten den Kopf. Nein, es ging nicht mehr Lückenlos, die Gehpausen wurden immer länger (womit ich mich aber in guter Gemeinschaft mit vielen anderen Läufern befand), bis sie sich schliesslich über die ganze Runde streckten. Ich schwörte mir, wenn die Beine versagen sollten, seh ich nur noch zu, dass ich irgendwie ins Stadion komme und hör dann auf, solange die Beine nur schmerzen , geh ich weiter und dann gabs in jeder Runde Aufmunterung und Zuspruch durch die Rennhamster im Stadion für mich und durch den Supersprecher B. Swara in der Fussgängerzone. Da konnte ich einfach nicht aufhören und irgendwie waren ja auch noch die 100km greifbar. Im Stadion wurde jetzt Samba gespielt, schön laut, dass hat auch geholfen dran zu bleiben, bloss nicht stehen bleiben, immer weiter gehen und dann kam sie endlich, die 40. Runde und nach ihr noch Zeit für eine Krönungsrunde (wahrscheinlich lag es am Bier, welches ich von Burkhard Swara in der drittletzten Runde bekam). Am Ende dann 102,7km, Klaus mit 100,2km direkt neben mir, beide stolz wie Oskar, einfach nur suuuupiiiieschön. Anschliessend noch lockeres ausklingen lassen, sogut es für Scheintote möglich war. Wie ich es geschafft habe nach Hause zu kommen, weiss ich nicht mehr so genau, ist aber auch egal. Inzwischen sind vier Tage vorbei und ich kann wieder laufen, keine Schäden sind geblieben, viele Gratulationen konnte ich entgegen nehmen und ich freu mich auf Brühl 2003 oder ähnliches.
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